Gemeinschaftliche Verantwortung für Natur und Ernährung - Solidarische Landwirtschaft

Datum: 10.03.2021

miterago im Gespräch mit Kristian Lampen, SoLaWi Hof EmsAuen

miterago: Die „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi) ist keine Erfindung dieses Jahrhunderts, das Konzept entstand schon in den 60er Jahren in Japan und wurde im Zuge der Umweltbewegung in den 80er Jahren auch im Westen immer bekannter. Das Grundprinzip einer SoLaWi ist, dass sich Erzeuger und Verbraucher die Anbaukosten und die Ernte eines Hofes teilen: Jedes Mitglied zahlt einen festgelegten Beitrag und erhält dafür regelmäßig Produkte des landwirtschaftlichen Betriebes. Was war Ihre Motivation, eine SoLaWi zu gründen?

Kristian Lampen: Nach der erfolgreichen Umstellung auf ökologischen Anbau im Jahre 2005, haben wir unsere Milch an die Molkerei Söbbeke in Gronau vermarktet. Mit der arbeiten wir auch weiterhin gut zusammen. Vor gut fünf Jahren merkten wir aber immer deutlicher, dass unsere Vorstellungen von einem bäuerlichen Familienbetrieb durch so einen Vermarktungsweg nicht umzusetzen sind. Behornte Tiere, muttergebundene Kälberhaltung, wenig Kraftfutter und viel Weide bei gleichzeitig auskömmlichem Einkommen, werden auch durch einen Biomilchpreis nicht bezahlt. Dann kamen wir mit der Solidarischen Landwirtschaft in Berührung, die Katharina und ich, schon in unserer Ausbildungszeit kennengelernt hatten. Wir hatten schnell das Gefühl, dass wir versuchen wollen uns Menschen vor Ort zu suchen, mit denen wir weiter an der Vision einer SoLaWiauf unserem Hof arbeiten wollen. Aus diesem Impuls und Dank der Menschen aus der Umgebung, die daran mitgearbeitet haben, ist die SoLaWi Hof EmsAuen entstanden.

Schnell wurde klar, die Menschen vor Ort brauchen nicht nur Milch. So haben wir zum Start der SoLaWiim Mai 2017 auch mit der Milchverarbeitung zu Quark, Frischkäse und Joghurt angefangen. Außerdem ist Katharina als gelernte Gärtnerin mit Begeisterung wieder in den Gemüsebau eingestiegen und unsere Mitglieder werden seitdem wöchentlich mit Milchprodukten, Rindfleischprodukten und Gemüse versorgt.

miterago: Wie ist die SoLaWi auf dem Hof Emsauen organisiert?

Kristian Lampen: Wir haben derzeit 80 Mitglieder. Gemeinsam mit dem Vorstand des Anfang 2020 gegründeten Verein „SoLaWi EmsAuen e.V.“ kalkulieren wir die benötigten finanziellen Mittel für das kommende Wirtschaftsjahr. Dieses wird dann durch die Mitglieder geteilt und so ermittelt sich der Beitrag pro Mitglied. Die Mitglieder verpflichten sich für jeweils ein Jahr dabei zu sein und bekommen dafür jeden Freitag die frisch geernteten und verarbeiteten Produkte.

miterago: Die Vorteile der SoLaWi sind vielfältig, u.a. die direkte Beziehung zwischen Erzeugern und Verbrauchern mit Einblick und Verständnis für die Möglichkeiten und Notwendigkeiten beim jeweils anderen, keine Umwege über einen Markt, der oft einheitliche und große Mengen verlangt, keine Verschwendung von „B-Ware“, also z.B. der für den Markt zu klein oder zu groß geratenen Äpfel oder Rüben, mehr Sicherheit und Planbarkeit für den Betrieb, mehr Vielfalt und Frische für den Abnehmer. Ist die SoLaWi nur eine Art „erweitertes Gemüse-Abo“ oder hat der solidarische Grundgedanke noch weitere Wirkungen? Wo sehen Sie die Grenzen dieses Modells?

Kristian Lampen: Die finanzielle Absicherung unserer Arbeit sind nur ein Teil der SoLaWi. Ein wesentlicher Teil ist auch die regionale Zusammenarbeit und das Entstehen einer gemeinsamen Verantwortung für den Hof und die Lebensmittel. Oft zeigen Verbraucher auf die Landwirte und machen uns verantwortlich für die ganzen Missstände und wir Landwirte zeigen auf die Verbraucher und sagen „Ihr zahlt nicht genug“. Dies Art von Trennung existiert aber gar nicht. Wir können nur gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Wie wir Landwirte arbeiten können hat direkt mit dem zu tun wie und was die Menschen in der Umgebung essen, und umgekehrt. In diese Art von gemeinsamer Verantwortung müssen wir alle natürlich erst hineinwachsen.

Ich glaube auch, dass man das Konzept der SoLaWi nicht einfach auf einen anderen Hof oder einenanderen Ort kopieren kann. Jede SoLaWi, Ort und Mensch ist unterschiedlich. Es ist wichtig immer zu schauen, was passt hier gerade hin, was können wir leisten, was wollen die Menschen in der Umgebung. Da gibt es natürlich auch unterschiedliche Vorstellungen, wo es dann Kompromisse zu finden gilt.

miterago: Und ist SoLaWi auch hilfreich, Eltern und Kindern den Wert der Natur und ihrer Erzeugnisse zu verdeutlichen und dies erlebbar zu machen?

Kristian Lampen: Die gemeinsamen Pflanz- und Ernteaktionen mit den Mitgliedern gehören, bei allem Organisationsaufwand, mit zu den schönsten Erlebnissen im Jahr - für uns vom Hof, aber ich denke auch für einige Mitglieder. So können wir gemeinsam erfahren, wozu unser Engagement und unser praktisches Tun führen kann. Da, wo ich im Frühjahr eine Kartoffel reingesteckt habe, steht im Herbst eine Pflanze mit vielen Kartoffeln. Die schmecken und machen mich satt.

miterago: Wie können und sollten Politik und Gesellschaft die SoLaWi in Deutschland unterstützen?

Kristian Lampen: Das wichtigste für die Unterstützung der Höfe vor Ort ist das Engagement von Menschen, die in der Region, Motivation haben neue Wege zu gehen und sich nicht scheuen auch auf Landwirte zuzugehen und ihnen Unterstützung anbieten bei diesem Umwandlungsprozess. Umgekehrt braucht es auch Landwirte, die sich nicht scheuen mit diesen engagierten Menschen zusammenzuarbeiten. Das passt nicht für jeden und ist nicht einfach. Wir leben in einer spannenden Zeit, mit großen Herausforderungen aber auch großen Chancen unter ganz neuen Bedingungen zusammenzuleben.

miterago: Wir hoffen, dass solidarische Landwirtschaft als regional organisiertes Zukunftsmodell Schule macht und wünschen Ihnen und dem Hof EmsAuen weiterhin alles Gute!

Kristian Lampen: Danke für die Einladung. Schön, dass immer mehr in Bewegung kommt und wir Menschen uns mit alternativen Wirtschaftsformen beschäftigen.