Textilien - nur fair ist tragbar

Datum: 21.11.2020

miterago im Gespräch mit Roxane Porsack, Gründerin des Textillabels „Green Size“.

miterago: Frau Porsack, mit Ihrem Label „Green Size“ arbeiten Sie eng mit dem Verein „Calcutta Rescue Deutschland“ zusammen und setzen sich in Ihrem Blog u. a. mit menschenunwürdigen Zuständen der Textilherstellung in Indien und Bangladesch auseinander. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Calcutta Rescue Deutschland?

Roxane Porsack: Ich bin mit dem Ziel eine Werkstatt zu finden, die für mich produzieren kann, nach Indien geflogen. Damals kannte ich Calcutta Rescue noch nicht. Die habe ich dort erst kennengelernt. Mir war wichtig, dass ich mit jemanden zusammenarbeite, der Fairtrade sehr ernst nimmt und dem ich vertrauen kann. Calcutta Rescue fand ich durch Zufall während meines Aufenthalts in Kalkutta und habe die NGO genau angeschaut. Es kann einem ja jeder erzählen, dass sie fair arbeiten und gewisse Standards einhalten. Calcutta Rescue hat aber sogar das "Fair India"- Siegel und ist mit einer Support-Gruppe auch in Deutschland vernetzt. Außerdem habe ich ein paar Tage in der Werkstatt mitgearbeitet und konnte mich genau umsehen. Soviel Offenheit einer Fremden gegenüber kann man nur zeigen, wenn man nichts zu verstecken hat. Das ist in der Textilbranche sicher nicht üblich.

miterago: ... und die globale Textilwirtschaft duldet immer noch katastrophale Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung der Arbeiter*Innen in Textilfabriken, die für sie produzieren...

Roxane Porsack: Ja, das stimmt. In Indien hält die Gesellschaft immer noch an dem Kastensystem fest. Wenn man einen Menschen aus einer niederen Kaste schlecht behandelt, wird es als nicht so schlimm angesehen. Dazu kommt der Preisdruck von den europäischen Modehäusern. Preisdruck ist wohl das falsche Wort, es geht da eher um Erpressung. Hohe Arbeitslosigkeit hat auch damit zu tun. Für einen Job in einer Fabrik lassen sich die Leute sehr viel gefallen, zumal sie selten eine bessere Behandlung gewohnt sind. Es ist schlichtweg normal, das man 14 Stunden täglich arbeitet. Wem das und Schlimmeres nicht passt, kann zwar theoretisch kündigen, wird aber sicher auch keinen anderen oder gar besseren Job bekommen. Es gibt viele Arbeiter in ganz Asien, die kein Zuhause haben. Wenn sie "Feierabend" haben, legen sie sich für 3 oder 4 Stunden unter ihre Nähmaschine und danach arbeiten sie weiter. Da kommen wir auch zur Lohn-Sklaverei.

miterago: „Green Size bedeutet Freiheit von der konventionellen Textilindustrie“ schreiben Sie auf Ihrer Website. Wie teuer haben Sie sich diese Freiheit erkaufen müssen?

Roxane Porsack: Es gibt in der Textilindustrie eine bestimmte Art, wie es zu laufen hat. So wie ein Rezept. Dinge, die man halt tut, weil keiner mehr nachfragt, ob es auch Alternativen gibt. Man lässt halt in Asien billig produzieren und tut so, als würde man auf die Umwelt achten. Das ist vom Textildiscounter bis zur Edel-Boutique ganz normal. Wenn sie als Verbraucher los gehen und ein konventionelles T-Shirt kaufen, egal wo und egal zu welchem Preis, haben Sie damit ein Produkt aus unwürdigen Produktionsbedingungen in der Hand. Auch wenn der Händler Ihnen verspricht, dass die Rohstoffe biologisch angebaut wurden, sagt das überhaupt nichts über die Produktionsbedingungen aus. Oder den Chemiegehalt der Textilie. Mit Sicherheit ist während der Herstellung Ihres T-Shirts ein Mensch zu Schaden gekommen, wenn nicht sogar gestorben. Das alles ist bisher normal. Ich will das nicht mitmachen. Mein Weg ist umständlicher und teurer, dafür muss niemand innerhalb meiner Lieferkette leiden. Meine Freiheit, anders zu entscheiden, war stellenweise nicht einfach. Aber das ist nichts im Vergleich zu einem guten Gewissen.

miterago: Im Jahr 2019 setzte allein die deutsche Textilindustrie fast 12 Milliarden Euro um und die Textilwirtschaft ist mit Ihren Lieferketten global organisiert und fast immer auf der Suche nach dem billigsten Produzenten. Können ein Lieferkettengesetz oder die Initiative „Grüne Knopf“ etwas zum Guten verändern?

Roxane Porsack: Dem grünen Knopf vertraue ich nicht wirklich. Aber ich kann auch nichts Genaueres dazu sagen. Ich setzte mich stark für das Lieferkettengesetz ein. Das könnte wirklich etwas verändern. Auch in den Köpfen der Verbraucher. Wenn der Verursacher einer Menschenrechtsverletzung in Zukunft tatsächlich dafür verantwortlich gemacht werden kann, wäre das ein Meilenstein für die Arbeiter*Innen im gesamten globalen Süden.

miterago: In den letzten Jahren sind viele nachhaltig orientierte Textillabel auch in Deutschland entstanden und immer mehr Verbraucher sehen die Herstellung von Textilien – auch durch immer mehr Medienbeiträge – mit kritischeren Augen. Wie groß sind der Einfluss nachhaltiger Unternehmen und die „Macht des Verbrauchers“ auf die konventionelle Textilwirtschaft?

Roxane Porsack: Die Macht des Verbrauchers hat dazu geführt, das es immer mehr Herstellern wichtig ist, ein grünes Image zu pflegen. Da kommen wir zu dem Thema „green washing“. Einige Hersteller haben aber tatsächlich auch die Produktionsbedingungen in den Zulieferbetrieben verbessert. Ich hoffe, dass der Trend anhält, bis alle Arbeiter*Innen auf diesem Planeten einen würdevollen Arbeitsplatz und genug Schutz erhalten.

miterago: Wenn Ihnen die Haltung begegnet: Unser Wohlstand ist auf Kosten des globalen Südens entstanden und es sei an der Zeit viel zurückzugeben – was ist Ihre Antwort darauf?

Roxane Porsack: Wenn die Leute auch tatsächlich danach handeln würden, wäre alles super. Viele Menschen haben ja durchaus das Problem erkannt, handeln aber nicht danach, weil sie ihr eigenes Verhalten nicht hinterfragen. Sie betrachten sich nicht als Verbraucher, das sind die anderen. Der Satz müsste lauten: Mein Wohlstand ist auf Kosten des globalen Südens entstanden. Ab sofort lasse ich das nicht mehr zu und entscheide mich für eine Zukunft, in der niemand für mich leiden muss.

miterago: Vielen Dank für diese Einblicke, die alle betroffen machen und Anlass zum Gegensteuern sind! Und Ihnen für Ihre engagierte Arbeit weiterhin alles Gute!

Roxane Porsack: Sehr gerne. Ich freue mich über den Zuspruch zu meiner Arbeit und der stetig wachsende Erfolg zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.