Tobias Schied im Gespräch: Fridays for Future auf dem Land und in der Landwirtschaft - Chancen ergreifen!

Datum: 08.12.2021

Tobias Schied im Gespräch: FridaysForFuture auf dem Land und in der Landwirtschaft - Chancen ergreifen!

miterago: Climate Justice now! waren mit Sicherheit die häufigsten Rufe auf dem World Climate March - nicht nur hier in Glasgow, sondern weltweit. Nur eine Forderung an politisch Verantwortliche oder an uns alle?

Tobias Schied: Klimagerechtigkeit ist wirklich von zentraler Bedeutung und die Forderung richtet sich vor allem an die politisch Verantwortlichen, aber auch an uns alle. Jeder und jede ist gefragt, sich der privilegierten Stellung bewusst zu werden, in der wir in Deutschland und allgemein im globalen Norden leben. Wir können unseren Konsum umstellen und so etwas tun, um unseren privaten CO2-Abdruck zu verringern, aber das allein reicht keinesfalls. Auf viele Entscheidungen hat der einzelne keinen Einfluss, da ist die Politik gefragt, mit gesetzlichen Regelungen und vor allem mit geänderter Förderpolitik große Hebel zu bewegen. Die Parteien in Deutschland sind mit ihren Programmen allesamt nicht ambitioniert genug. Da ist wieder jede:r einzelne gefragt, die Klimakrise zur Chefsache zu machen und zu thematisieren, darüber zu reden, zu handeln, auf die Straße zu gehen und aktiv zu werden. So kann die kritische Masse entstehen, die die Politik bewegt, mehr zu tun, und zwar auf allen Ebenen: im Gemeinderat, im Kreistag, auf Landesebene, im Bund. "Klimagerechtigkeit jetzt" beinhaltet zusätzlich, dass Gerechtigkeit für die zukünftigen Generationen hergestellt werden muss. Das jetzige System, das wirtschaftlich, sozial und ökologisch die Grenzen des Planeten ausreizt und überschreitet, zerstört unsere Lebensgrundlagen, das sehen wir ja aktuell.

miterago: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel schon heute auf den ländlichen Raum? Und wissen die Leute auf dem Land darüber Bescheid, welche Produktionsweisen besonders klimaschädlich sind?

Tobias Schied: In unserer Region ist es in erster Linie die Trockenheit der Böden, die den landwirtschaftlichen Betrieben zu schaffen macht, die trockenen Böden bereiten vielen Sorgen. Die überwiegende Zahl der Menschen auf dem Land sieht hier auch einen Zusammenhang mit der Klimakrise und kein vorübergehendes Phänomen. Auch die Wälder leiden besonders unter der Trockenheit. Schädlinge wie der Borkenkäfer verbreiten sich massenhaft, weil sich Bäume durch den Trockenstress nicht ausreichend zur Wehr setzen können. Auf der anderen Seite haben wir Extreme wie Starkregen und gewaltige Überschwemmungen. Davon betroffen sind auch landwirtschaftliche Flächen, Wiesen und Äcker, von denen nichts mehr zu ernten war, also die Arbeit des ganzen Jahres hin war oder schlimmer noch, irgendwelche Schlammschichten haben sich abgesetzt und den Boden kontaminiert - das gibt es auch. Hagelschäden sind auch ein Dauerproblem, Hagel hat in den letzten Jahren an Intensität aber noch zugenommen.

Und das ist nur die Situation in Deutschland. Die Katastrophen, die sich global ereignen, vor allem im globalen Süden, sind oft nur kurz in den Nachrichten oder gar nicht und das war´s, das juckt keinen weiter, leider. Da muss Deutschland als einer der größten historischen Mitverursacher der Klimakrise viel mehr Verantwortung übernehmen, womit wir wieder bei der Gerechtigkeit sind.

Bei mindestens 2/3 der Leute auf dem Land und in der Landwirtschaft ist angekommen, würde ich mal so pauschal schätzen, dass wir handeln müssen aufgrund der Klimakrise. Viele haben aber im bestehenden Agrarsubventionssystem wenig Möglichkeiten auszubrechen und andere Wege zu gehen, von denen niemand weiß, ob es sich für den einzelnen Betrieb rechnet. Die Landwirtschaft ist die Lebensgrundlage der Betriebe. Es müssen die Regeln so gestaltet werden, dass die vorteilhaften Arbeitsweisen für das Klima und die Ökosysteme sich betriebswirtschaftlich lohnen. Unter anderem müssten Heumilch und Agroforst oder die Wiedervernässung von Mooren viel besser gefördert werden. Ich bin mir sicher, dass viele da mitgehen würden, wenn sie dieses Angebot hätten.

Einige wenige gibt es, die stellen trotz der Klimakrise einen großen Neubau, einen Rinderstall für hunderte Tiere in die Landschaft. Da frage ich mich, was will derjenige denn mit so einer Investition, in welche Zukunft soll uns das denn führen? Das sind dann die deutlich sichtbaren Elemente einer Wirtschafts- und Subventionspolitik, die die falschen Anreize setzt. Es gilt in der Landwirtschaftspolitik leider immer noch sehr weitverbreitet das Mantra "wachse oder weiche". Was aber oft schwer zu erkennen ist - weil es äußerlich oft kaum auffällt - sind die Dinge, die sich im Kleinen ändern, und da wird viel überlegt und getan, denn viele stellen sich ihrer Verantwortung. Wenn ein neuer riesiger Stall gebaut wird, erkennt man das sofort, er steht jetzt in der Landschaft. Wenn aber ein alter Stall tiergerecht umgebaut wird oder der Betrieb jetzt auf gleichem Raum und Fläche mit weniger Nutztieren arbeitet, dann fällt das äußerlich kaum auf.

miterago: Wird darüber auch am Weidezaun geredet oder will man lieber keinen Streit mit den Nachbarn und spart dieses Thema aus?

Tobias Schied: Eine allgemeine aktuelle Einschätzung ist nach meinem Empfinden zurzeit schwierig, da viele Präsenzveranstaltungen wie z.B. die Jahresversammlung der AbL (Arbeitsgemeinschaft der bäuerlichen Landwirtschaft) in Deutschland oder die „Grüne Woche“ aufgrund der Pandemie abgesagt werden mussten und ich so kaum erleben konnte wie die Stimmung ist. Aber strittige Themen wurden auch in der Vergangenheit nicht ausgespart, sondern benannt, wie z.B. die Problematik rund um die fragwürdige Position Deutschlands als Fleischexportweltmeister mitsamt der Frage, wohin mit der Gülle bei zu wenig Fläche und der Bedeutung der Nitratüberschüsse. Hier bringt es nichts, einseitig die Verantwortung oder sogar die Schuld bei Einzelnen zu suchen, sondern es ist zu erklären, welche Zwänge dazu führen und welches falsche System dahintersteckt. Dann gibt es auch die Lösungen, also zum Beispiel die Tierhaltung an Fläche zu koppeln, und auf diese Idee ist erfreulicher Weise jetzt auch die neue Bundesregierung gekommen.

Wichtig ist immer, dem Gegenüber zuzuhören und ihn nicht gleich abzuurteilen und/oder mit Vorwürfen zu überhäufen. Wenn jede:r Gelegenheit erhält zu begründen, warum er/sie sich so verhält, dann kommen wir doch dem eigentlichen Fehler nahe und können gemeinsam überlegen, wo es eine Lösung gibt. Dann können wir gemeinsam dafür sorgen, dass es der Politik nicht mehr gelingt, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen: die Stadt gegen das Land, die "Verbraucher:innen" gegen die Erzeuger:innen, Landwirtschaft gegen Klimagerechtigkeit und Ihre Bewegung. Das funktioniert dann nicht mehr als Mittel von der eigenen Untätigkeit oder fehlenden politischen Konzepten zur Lösung dieser Menschheitskrise abzulenken.

miterago: Welche Möglichkeiten haben Bauern und Bäuerinnen, die Treibhausgasemissionen schnell und deutlich zu reduzieren und welche gesetzlichen Regelungen auf Bundes- und/oder EU-Ebene müssten schnell geändert werden, damit die Landwirtschaft einen effektiven Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann?

Tobias Schied: Mögliche Maßnahmen sind alle bekannt: Agroforst, viel gut bewirtschaftetes Dauergrünland, Heumilch-Standard, Ende der industriellen Tierhaltung und stattdessen Tierhaltung nach Fläche, Wiedervernässung der Moore, um nur einige zu nennen. Entscheidend ist zentral der politische Wille, damit die Subventionen so umgesteuert werden, dass eben diese Möglichkeiten gefördert und gefordert werden. Das momentane System des "wachsen oder weichen" missachtet die ökologischen und sozialen Grenzen des Planeten und der Menschheit. Das Krasse an der Landwirtschaft ist ja, hier gibt es den maximal großen Schaden, wenn einfach weiter gemacht wird wie bisher. Es gibt aber die riesengroße Chance, umzusteuern und es richtig gut zu machen, und die Technologien sind bereits da und bekannt, Sie müssen nur eingesetzt werden.

miterago: Und wie kann und muss die Gemeinschaft das Landleben dabei unterstützen?

Tobias Schied: Die Gemeinschaft muss wissen, wie das Landleben und Landwirtschaft heute funktionieren. Das ist nicht in jeder Region und in jeder Sparte einheitlich, das macht es so kompliziert. Umso wichtiger ist die Kommunikation. Wir haben uns als FridaysForFuture von Anfang an als einladende Bewegung verstanden, wo Jung und Alt, Städter und Landbevölkerung, wo alle gemeinsam aktiv werden können. Persönlich sehe ich meine Aufgabe darin, die Landwirtschaft und die Herausforderungen auf dem Land noch viel mehr als bisher in die FridaysForFuture-Bewegung einzubringen.

Ganz wesentlich dabei ist immer, zu sehen, wo die gesellschaftlich besten Lösungen unter Berücksichtigung der Vor- und Nachteile liegen. Wenn die Landbevölkerung eine bessere ÖPNV-Anbindung braucht, dann sind auch größere Bahnhöfe in den Städten notwendig. Das Gesamte eines Problems ist zu betrachten und alle Beteiligten sollten unter dem Schirm des Ziels mitgestalten. Dann finden wir die besten Lösungen und nicht wie bisher, wo manche Beteiligte den dringend notwendigen und existentiellen Wandel unter dem Vorwand eigener politisch geschaffener Probleme blockieren. Ich bin bereit für die konstruktive Mitarbeit und die Chancen und Möglichkeiten, die wir haben zu nutzen, denn nichts zu tun ist keine Option.

miterago: Vielen Dank für das Gespräch!

Tobias Schied: Vielen Dank auch von meiner Seite hier meine Perspektiven präsentieren zu dürfen.